Maria Emma Bokor (geb. Mottloch)
Personalia
Geboren:
Gestorben:
Beruf:
Verfolgung:
Arisierung 07.09.1938
Mitgliedschaften
Lebenslauf
Maria Emma Mottloch kommt in Wien als uneheliche Tochter des Stubenmädchens Filomena Mottloch zur Welt. Nach Absolvierung der Pflichtschule arbeitet sie als Kindermädchen in unterschiedlichen Haushalten.
1912 heiratet sie standesamtlich den jüdischen Gastronomen mit ungarischen Wurzeln, Julius Bokor, dessen Geburtsname Braun war, der sich jedoch 1902 in Bokor umbenannte. 1913 kommt die gemeinsame Tochter Gertrude Bokor zur Welt. 1919 konvertiert Julius Bokor zum katholischen Glauben und heiratet Maria Bokor kirchlich.
1927 mieten Julius und Maria Bokor das Barokschlössel des Grafen Nostitz beim Meidlinger Tor des Schlosses Schönbrunn, welches zu dieser Zeit gänzlich ungenützt und abgewirtschaftet ist. Nach großen Investitionen in die Liegenschaft eröffnen sie im November 1927 das ‘Café Schlössl’ und beziehen eine Wohnung direkt über dem Kaffeehaus. In den Folgejahren entwickelt sich das Kaffeehaus zu einem florierenden Unternehmen.
Am 12. März 1938 muss die Familie Bokor erleben, wie das freie und unabhängige Österreich mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht untergeht. Mit der Besetzung Österreichs wird die deutsche Gesetzgebung übernommen und damit auch die ‘Nürnberger Rassengesetze’, nach denen Julius Bokor als ‘Volljude’ gilt, ihre Tochter Gertrude als ‘Halbjudin’ oder ‘Mischling I. Grades’. Obwohl es Maria Bokor von den Nationalsozialisten nahegelegt wird sich von Julius Bokor scheiden zu lassen, weigert sie sich entschieden.
Am 7. September 1938 bewirken nationalsozialistische Neider gemeinsam mit der Arisierungsstelle die Schließung und Arisierung des Betriebes.
[…] Schon in diesen frühen Nachmittagsstunden begann sich das Parterrelokal und der Garten langsam mit jüdischen Familien zu füllen, arische Gäste konnten weder bei dieser Gelegenheit, noch auch späterhin, nach Betreten des Lokals durch den kommissarischen Verwalter, wahrgenommen werden. Trotz Bemühung unauffällig in die Nähe der besetzten Tische zu gelangen, war mein Erscheinen samt Begleitperson sofort der Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit der anwesenden Juden.
[…] Die anwesenden Juden waren sämtlich anscheinend in Begleitung ihrer gesamten Familien erschienen und konnte kein Tisch festgestellt werden, der allein von Männern besetzt war. […] Die Juden fühlten sich unter Ihresgleichen, ein Verkehr von Tisch zu Tisch konnte nicht wahrgenommen werden, wohl aber kannten sich viele Besucher gegenseitig.
[…] Nachdem der Verdacht verbotener politischer Besprechungen, der in diesem Kaffeehaus verkehrenden Judenschaft besteht, könnte nur das allerunauffälligste Beobachten und Abhören der sich nicht beobachtet fühlenden Juden einen Erfolg bringen, eine Voraussetzung, die an uns für sich für einen Arier schwer fällt, da seine Anwesenheit unter der rein jüdischen Kundschaft sofort bemerkt wird.
Julius, Maria und Gertrude Bokor, denen ihre Existenzgrundlage geraubt war, werden auch aus ihrer Wohnung delogiert. Gertrude Bokor versucht sich als Kindermädchen in Belgien, wo sie für Kost und Logis leben kann, ihre Eltern finden kurzfristig ein Zimmer zur Untermiete, können sich dieses jedoch auch bald nicht mehr leisten, da sie keine Anstellung finden. Um zu überleben, verkaufen sie alle Habseligkeiten und erhalten Unterstützung der Caritas.
Nachdem das belgische Aufenthaltsvisum von Gertrude Bokor nicht verlängert wird, kehrt sie im August 1939 zurück nach Wien. Gemeinsam mit ihrer Mutter kommt sie kurzfristig bei Verwandten unter, wo sie sich ein Bett teilen.
Julius Bokor flüchtet im November 1939 zu seiner in Budapest lebenden Schwester, in der Hoffnung dort Arbeit zu finden und die Familie damit finanziell zu unterstützen. Aber auch in Ungarn herrscht unter der Herrschaft von Reichsverweser Miklós Horthy eine strikt antisemitische Stimmung, weshalb Julius Bokor auch dort keine Arbeit findet. Im Februar 1941 kritisiert Julius Bokor öffentlich Adolf Hitler, worauf er verhaftet und nach Kamenez-Podolsk in der Ukraine deportiert wird. Dort wir er wahrscheinlich im Rahmen des Massakers von Kamenez-Podolsk ermordet. Ein letztes Lebenszeichen von ihm gibt es am 17. August 1941.
Zu Weihnachten 1939 finden Maria und Gertrude Bokor eine Aushilfsbetätigung in Mariazell. Im Jänner 1940 verunglückt Maria Bokor bei einem Straßenbahnunfall und wird zum Pflegefall. Gertrude Bokor muss nunmehr sich und ihre Mutter erhalten.
Zwischen 1942 und 1945 muss Gertrude Bokor Zwangsarbeit in einem Rüstungsbetrieb leisten, was das Familieneinkommen noch weiter schmälert.
Mit der Befreiung Österreichs im Mai 1945 muss Maria Bokor ihren Ehemann Julius für Tod erklären lassen; sein genauer Todestag bleibt unbekannt, ebenso wie der Ort seiner sterblichen Überreste.
Maria Bokor tritt nach der Befreiung der ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner für Österreich bei. Sie verstirbt mit 79 Jahren in Wien und findet ihre letzte Ruhestätte am Wiener Zentralfriedhof.
Orte
Wohnort:
Quellen
Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA)
Matricula Online
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