Julius Ferdinand Bokor (geb. Braun)

Personalia

Geboren:

21. Oktober 1877, Wien

Gestorben:

17. August 1941, Kamenez-Podolsk

Beruf:

Kaffeehausbesitzer

Verfolgung:

Arisierung 07.09.1938,
Flucht November 1939,
Haft Februar 1941 - 17.08.1941,
Ermordet nach dem 17.08.1941

Lebenslauf

Julius Ferdinand Braun kommt als Sohn des jüdischen Ehepaares mit ungarischen Wurzeln Hermann Braun und Bertha, geborene Gänger, in Wien zur Welt. Die Familie hat auch noch eine Tochter. In Wien besucht er die Schule und macht danach die Ausbildung zum Gastronomiefachmann. 1902 nehmen er und seine Schwester Jolanda den ungarischen Nachnamen ‘Bokor’ an.

Im Jahre 1912 heiratet Julius Bokor die Katholikin Maria Emma Mottloch standesamtlich. Die gemeinsame Tochter Gertrude Bokor kommt 1913 zur Welt. 1919 konvertiert Julius Bokor zum katholischen Glauben und heiratet Maria Bokor kirchlich.

1927 mieten Julius und Maria Bokor das Barockschlössel des Grafen Nostitz beim Meidlinger Tor des Schlosses Schönbrunn, welches zu dieser Zeit gänzlich ungenützt und abgewirtschaftet ist. Nach großen Investitionen in die Liegenschaft eröffnen sie im November 1927 das ‘Café Schlössl’ und beziehen eine Wohnung direkt über dem Kaffeehaus. In den Folgejahren entwickelt sich das Kaffeehaus zu einem florierenden Unternehmen.

Am 12. März 1938 muss die Familie Bokor erleben, wie das freie und unabhängige Österreich mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht untergeht. Mit der Besetzung Österreichs wird die deutsche Gesetzgebung übernommen und damit auch die ‘Nürnberger Rassengesetze’, nach denen Julius Bokor als ‘Volljude’ gilt. Obwohl es Maria Bokor von den Nationalsozialisten nahegelegt wird, sich von Julius Bokor scheiden zu lassen, weigert sie sich entschieden.

Am 7. September 1938 bewirken nationalsozialistische Neider gemeinsam mit der Arisierungsstelle die Schließung und Arisierung des Betriebes.

[…] Schon in diesen frühen Nachmittagsstunden begann sich das Parterrelokal und der Garten langsam mit jüdischen Familien zu füllen, arische Gäste konnten weder bei dieser Gelegenheit, noch auch späterhin, nach Betreten des Lokals durch den kommissarischen Verwalter, wahrgenommen werden. Trotz Bemühung unauffällig in die Nähe der besetzten Tische zu gelangen, war mein Erscheinen samt Begleitperson sofort der Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit der anwesenden Juden.

[…] Die anwesenden Juden waren sämtlich anscheinend in Begleitung ihrer gesamten Familien erschienen und konnte kein Tisch festgestellt werden, der allein von Männern besetzt war. […] Die Juden fühlten sich unter Ihresgleichen, ein Verkehr von Tisch zu Tisch konnte nicht wahrgenommen werden, wohl aber kannten sich viele Besucher gegenseitig.

[…] Nachdem der Verdacht verbotener politischer Besprechungen, der in diesem Kaffeehaus verkehrenden Judenschaft besteht, könnte nur das allerunauffälligste Beobachten und Abhören der sich nicht beobachtet fühlenden Juden einen Erfolg bringen, eine Voraussetzung, die an uns für sich für einen Arier schwer fällt, da seine Anwesenheit unter der rein jüdischen Kundschaft sofort bemerkt wird.

Aus dem Arisierungsbericht von SA-Sturmführer Lothar Suter vom 4. September 1938

Julius, Maria und Gertrude Bokor, denen ihre Existenzgrundlage geraubt war, werden auch aus ihrer Wohnung delogiert. Gertrude Bokor versucht sich als Kindermädchen in Belgien, wo sie für Kost und Logis leben kann, ihre Eltern finden kurzfristig ein Zimmer zur Untermiete, können sich dieses jedoch auch bald nicht mehr leisten, da sie keine Anstellung finden. Um zu überleben verkaufen sie alle Habseligkeiten und erhalten Unterstützung der Caritas.

Nachdem das belgische Aufenthaltsvisum von Gertrude Bokor nicht verlängert wird, kehrt sie im August 1939 zurück nach Wien. Gemeinsam mit ihrer Mutter kommt sie kurzfristig bei Verwandten unter, wo sie sich ein Bett teilen. Schließlich findet sie eine Anstellung, muss jedoch ihre Mutter pflegen, die bei einem Straßenbahnunfall schwer verunglückt.

Julius Bokor flüchtet im November 1939 zu seiner in Budapest lebenden Schwester, in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden und die Familie damit finanziell zu unterstützen. Aber auch in Ungarn herrscht unter der Herrschaft von Reichsverweser Miklós Horthy eine strikt antisemitische Stimmung, weshalb Julius Bokor auch dort keine Arbeit findet. Im Budapester Café Pilvax äußert er sich öffentlich kritisch über Adolf Hitler.

Der Raubmörder wird den Krieg nicht gewinnen!

Julius Bokor im Februar 1941 im Budapester Café Pilvax

Julius Bokor wird verraten und unmittelbar danach von in Budapest agierenden Gestapo-Beamten verhaftet. Am 23. Juli 1941 wird er aus der Haft nach Kamenez-Podolsk in der Ukraine deportiert. Von dort schafft er es über einen ungarischen Soldaten seiner Schwester einen letzten Brief zukommen zu lassen.

Liebe Jolán!

Wie Du von oben ersiehst hat man uns hierher geschleppt, zu Hunderten und zu Tausenden sind wir dem Hungertode preisgegeben. Die sechs Tage Reise haben uns vollkommen erschöpft und ohne Nahrung hat man uns auf die Landstraße gestellt.

Das ist eine ganz vernichtete und ausgeplünderte Stadt, das ganze ein Schutthaufen, nicht einmal Brot gibt es, aber überhaupt kein Geschäft, das ist das sogenannte Todeslager. Wenn ich dies überlebe kann ich es nur Gottes Behütung verdanken.

Post gibt es überhaupt keine, einen guten ungarischen Soldaten übergebe ich diesen Brief, er nimmt ihn mit sich, wirft ihn in Ungarn ein, ohne Porto, damit er sicher ankommt. Bitte ich habe einen wichtigen Brief mit fünf Stück Pfandscheinen dem stellvertretenden Lagerkommandanten Frenkel von der Szabolcsgasse übergeben, hoffe Du hast ihn schon erhalten, wenn nicht rufe ihn telefonisch an 292-075 und wenn Du es übernommen hast, dann behüte es gut und die eventuelle Umschreibung bewerkstellige, vielleicht hilft mir noch Gott dass ich es persönlich übernehmen kann. Meine Familie, bitte ich, schonen zu verständigen und beruhige sie. Mache mir das alles, meine Teuere.

Den Beschützer rufe an und melde ihm das oben erwähnte, überhaupt dem Fenkel sage auch, dass ein Paket Halsbinden bei Fenzel ist, die ich in Dömös vergas, all dies erledige bitte dringend.

Seine Exzellenz rufe auch an, morgens 9-10 Telefon 18-86-96, Mizzis' Kleider sind dort, man muss diese von ihm haben, außerdem noch 1 kg Seife und ein paar schwarze Strümpfe. Ich habe Seiner Exzellenz auch geschrieben, trete mit Ihm sofort in Verbindung, meine Familie küsse ich unzähligmal und seid vorläufig geduldig bis ich mit der Post schreiben kann, gebe Gott, dass ich es aushalte, küsse Dich unzähligmal,

Gyuri grüße ich separat, Gyula (Julius)

Letzter Brief von Julius Bokor vom 7. August 1941 aus Kamenez-Podolsk

Am 17. August 1941 gibt es noch ein letztes Lebenszeichen von Julius Bokor, danach verliert sich seine Spur. Er gilt als vermißt, sein Leichnam wird niemals gefunden. Nach der Befreiung Österreichs wird er für Tod erklärt.

Es kann davon ausgegangen werden, dass er im Rahmen des Massakers von Kamenez-Podolsk ermordet wurde.

[Anm.: Beim Massaker von Kamenez-Podolsk ermordeten Angehörige des deutschen Polizeibataillons 320 und Mitglieder eines ‘Sonderaktionsstabes’ des Höheren SS- und Polizeiführers (HSSPF) Russland-Süd, SS-Obergruppenführer Friedrich Jeckeln, Ende August 1941 in der Nähe der westukrainischen Stadt Kamenez-Podolsk rund 23.600 Juden. Dabei handelte es sich primär jüdische nicht-ungarische Staatsbürger.

Zuvor hatte das mit dem nationalsozialistischen Deutschen Reich verbündete Ungarn einen Großteil der Opfer in das nach dem Überfall auf die Sowjetunion von der Wehrmacht eroberte sowjetische Staatsgebiet deportiert. Das Massaker war die bis dahin größte Mordaktion des Holocaust. Es fand gut einen Monat vor den Massenerschießungen von Babyn Jar bei Kiew statt und gilt als ein entscheidender Schritt von der selektiven Mordpolitik zur angestrebten vollständigen Auslöschung des Judentums.]

Orte

Wohnort:

Quellen

Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA)

Matricula Online

Wikipedia unter de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Kamenez-Podolsk#Deportation_„fremder“_Juden

Julius Bokor

Kaffeehausbesitzer
* 21. Oktober 1877
Wien
† 17. August 1941
Kamenez-Podolsk
Arisierung, Haft, Flucht, Ermordet