Gertrude Leokadia Bokor

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Gertrude Bokor (WStLA)

Personalia

Geboren:

13. Februar 1913, Wien

Gestorben:

18. Oktober 1998, Wien

Beruf:

Angestellte

Verfolgung:

Arisierung 07.09.1938,
Zwangsarbeit 1942 - 1945

Mitgliedschaften

ÖVP Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner für Österreich

Lebenslauf

Gertrude Leokadia Bokor kommt in Wien als Tochter des jüdischen Kaffeehausbesitzers Julius Bokor und seiner katholischen Ehefrau Maria, geborene Mottloch, zur Welt. Julius und Maria Bokor betreiben seit 1927 das Café Schlössl im Barokschlössel des Grafen Nostitz beim Meidlinger Tor des Schlosses Schönbrunn. In der Wohnung darüber wohnen sie.

Nach der Volksschule besucht Gertrude Bokor vier Klassen der Mittelschule und im Anschluss eine Hotelfachschule. Danach absolviert sie Praktika in Hotels in Frankreich und beim französischen Handelsattaché in Wien. Im Herbst 1936 beginnt sie einen Kurs an einer behördlich genehmigten Sprachschule, um die Staatsprüfung in französischer Sprache zu absolvieren. Nebenbei arbeitet sie im Kaffeehaus ihres Vaters.

Am 12. März 1938 muss sie erleben, wie das freie und unabhängige Österreich mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht untergeht. Mit der Besetzung Österreichs wird die deutsche Gesetzgebung übernommen und damit auch die ‘Nürnberger Rassengesetze’, nach denen Gertrude Bokor als ‘Halbjudin’ oder ‘Mischling I. Grades’ gilt.

Am 7. September 1938 bewirken nationalsozialistische Neider gemeinsam mit der Arisierungsstelle die Schließung und Arisierung des Betriebes.

[…] Schon in diesen frühen Nachmittagsstunden begann sich das Parterrelokal und der Garten langsam mit jüdischen Familien zu füllen, arische Gäste konnten weder bei dieser Gelegenheit, noch auch späterhin, nach Betreten des Lokals durch den kommissarischen Verwalter, wahrgenommen werden. Trotz Bemühung unauffällig in die Nähe der besetzten Tische zu gelangen, war mein Erscheinen samt Begleitperson sofort der Gegenstand besonderer Aufmerksamkeit der anwesenden Juden.

[…] Die anwesenden Juden waren sämtlich anscheinend in Begleitung ihrer gesamten Familien erschienen und konnte kein Tisch festgestellt werden, der allein von Männern besetzt war. […] Die Juden fühlten sich unter Ihresgleichen, ein Verkehr von Tisch zu Tisch konnte nicht wahrgenommen werden, wohl aber kannten sich viele Besucher gegenseitig.

[…] Nachdem der Verdacht verbotener politischer Besprechungen, der in diesem Kaffeehaus verkehrenden Judenschaft besteht, könnte nur das allerunauffälligste Beobachten und Abhören der sich nicht beobachtet fühlenden Juden einen Erfolg bringen, eine Voraussetzung, die an uns für sich für einen Arier schwer fällt, da seine Anwesenheit unter der rein jüdischen Kundschaft sofort bemerkt wird.

Aus dem Arisierungsbericht von SA-Sturmführer Lothar Suter vom 4. September 1938

Julius, Maria und Gertrude Bokor, denen ihre Existenzgrundlage geraubt war, werden auch aus ihrer Wohnung delogiert. Gertrude Bokor geht im Frühjahr 1939 als Kindermädchen nach Brüssel, ihre Aufenthaltsbewilligung wird jedoch aufgrund der Kriegsgefahr im August 1939 nicht verlängert und sie kehrt nach Wien zurück. Ihre Eltern finden kurzfristig ein Zimmer zur Untermiete, können sich dieses jedoch auch bald nicht mehr leisten, da sie keine Anstellung finden. Um zu überleben verkaufen sie alle Habseligkeiten und erhalten Unterstützung der Caritas.

Als Gertrude Bokor nach Wien zurückkommt findet sie, als ‘Mischling 1. Grades’ keine Arbeit. Ihr Vater Julius Bokor flieht im November 1939 nach Budapest zu seiner Schwester, wird jedoch im Februar 1940 verhaftet und im Juli 1941 nach Kamenez-Podolsk in der Ukraine deportiert und dort wahrscheinlich im Rahmen des Massaker von Kamenez-Podolsk ermordet.

Ab 1940 findet Gertrude Bokor immer wieder Gelegenheitsarbeit als Hilfsarbeiterin und muss mit dem kargen Einkommen ihre inzwischen pflegebedürftige Mutter erhalten. [Anm: Ihr Mutter wurde 1940 bei einem Straßenbahnunfall so schwer verletzt, dass sie pflegebedürftig wurde.] Ab 1942 wird sie in die Bosse Werkstätten, einem Wehrmachtszulieferer, dienstverpflichtet. Dort muss sie in dunklen, ungeheizten und feuchten Kellern arbeiten, was sie gesundheitlich schädigt.

Als dienstverpflichtete erlebt sie im Mai 1945 die Befreiung Österreichs. Danach versucht sie erfolglos ihre Studienergänzungsprüfungen zu absolvieren und arbeitet im Kunsthandelsgewerbe. Sie engagiert sich in der ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner für Österreich.

Die gesundheitlichen Schädigungen aus der Zeit der Dienstverpflichtung fordern jedoch ihren Tribut und Gertrude Bokor wechselt sehr häufig ihren Beruf und ist oftmals auf Kur.

Schließlich geht Gertrude Bokor in Pension und verstirbt ledig und kinderlos in Wien mit 85 Jahren. Sie findet ihre letzte Ruhestätte am Wiener Zentralfriedhof.

Orte

Wohnort:

Quellen

Wiener Stadt- und Landesarchiv (WStLA)

Matricula Online

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Gertrude Bokor

Angestellte
* 13. Februar 1913
Wien
† 18. Oktober 1998
Wien
Arisierung, Zwangsarbeit