Anna Bieder (geb. Ruhso)
Personalia
Geboren:
Gestorben:
Beruf:
Verfolgung:
Haft 13.01.1944 – 05.04.1945
Mitgliedschaften
Lebenslauf
Anna Ruhso wird als eheliche Tochter von Johann Ruhso und seiner Gattin Anna, geborene Peschke, in Wien geboren. Nach der Volks- und Bürgerschule, hilft sie zuerst im Haushalt ihrer Schwester und erlernt im Anschluss das Handwerk des Maschinenstickens. Im Ersten Weltkrieg arbeitet sei als Staßenbahnschaffnerin in Wien. 1919 heiratet sie den Straßenbahnschaffner Anton Bieder. Aus dieser Ehe entspringt im Jahre 1925 ein Sohn; danach bleibt sie zu Hause. 1936 erkrankt Anna Bieder schwer an Gehirnhautentzündung.
Die Familie ist politisch uninteressiert. Unmittelbar nach der Okkupation Österreichs durch das Dritte Reich im März 1938 verstirbt Anton Bieder infolge einer Krebserkrankung im August 1938. Noch am Sterbebett ihres Mannes wird sie angesprochen der NSDAP beizutreten, mit dem Ausblick dadurch an Arbeit zu gelangen. Nachdem die Witwe nunmehr mittellos mit einem Sohn als Gymnasiasten ist, macht sie diesen Schritt. Bald danach wird ihr angeboten, ein arisiertes jüdisches Geschäft zu übernehmen und eine Gewerbeberechtigung in Aussicht gestellt. Sie lehnt dies jedoch aus Überzeugung ab und hält sich lieber weiterhin mit Handarbeiten von zu Hause über Wasser.
Im 2. Wiener Gemeindebezirk wohnend und damit das Leid gegenüber der jüdischen Bevölkerung sehend, steigt die innere Gegnerschaft zum Nationalsozialismus zusehends.
Nicht zuletzt mag zu dieser, meiner erwachten ablehnenden Einstellung, die in meinem Wohnbezirk wahrgenommene Drangsalierung jüdischer Mitbürger beigetragen haben.
Im August 1942 wird ihr Sohn zur Wehrmacht eingezogen und nach Königsberg [heute: Kaliningrad in Russland] versetzt. Dorthin schreibt sie ihm zwei Briefe mit regierungskritischem Inhalt. Diese werden jedoch von der Zensurstelle abgefangen.
Der Mininger Ernst sitzt in Wien im Ministerium und macht einen Fernschreibkurs. Kommt Dir das nicht sonderbar vor? Hat noch keine Ausbildung und eine übertriebene Leuchte ist er doch auch nie gewesen. Wird halt wer anderer die Hand dabei im Spiel haben, glaubst nicht? Schlögl ist auch noch nicht eingerückt, sonderbar, gell? Darum brauchst Dich nicht zu schämen und glauben, Du wärst ein Drückeberger. Ich glaube Alfons, der Krieg geht schief. In Italien ist die Situation sehr kritisch. Ich traf einen bekannten Herren, der wegen eines Leidens mit den Transporten mitfährt, aber bestimmt kein Mann ist, der viel oder unwahr redet. Der erzählte mir, dass der Hass auf die Deutschen in allen Ländern, ob Bulgarien oder Rumänien, ganz gleich wo, riesengroß ist, andererseits sich die Deutschen wie Schweine benehmen. Auf die Österreicher bezieht sich dieser Hass nicht.
Also, bitte gewöhne Dir nicht das Pifkewerden an! Hitler weiß ganz gut, dass nach einem Misserfolg des Krieges ein Deutschland nicht mehr existiert, ein Österreich bestimmt. Und darum schrei: „Es gibt nur Vernichtete und Überlebende“. Naja, Kunststück! Er ist mit seinen Getreuen nicht dabei. Der Großteil der Weiber von führenden Persönlichkeiten und mit der dementsprechenden Valuta im Sack sitzt ja in der Schweiz, auch die Emmy samt der Edda. Darum, Alfons, steht es nicht mehr dafür, die Kastanien aus dem Feuer zu holen.
Jetzt, wo der Winter vor der Tür steht, jagt man Euch raus. Ist eh alles für die Katz!
Am 13. Jänner 1944 wird Anna Bieder von der Gestapo verhaftet und am 29. März 1944 vom Sondergericht zu 18 Monaten Gefängnis wegen Heimtücke und Wehrkraftzersetzung verurteilt. Sie wird in die Strafanstalt Stein bei Krems überstellt, wo sie am 5. April 1945 befreit wird.
Körperlich gezeichnet geht sie mit Kriegsende in Frühpension. Sie tritt der neugegründeten Österreichischen Volkspartei (ÖVP) und der ÖVP-Kameradschaft der politisch Verfolgten und Bekenner für Österreich bei und verstirbt mit 82 Jahren in Wien.
Orte
Wohnort:
Quellen
Stadt- und Landesarchiv Wien (WStLA)
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