Regierungsrat Dr. Richard Anton Schlesinger

Personalia
Geboren:
Gestorben:
Beruf:
Verfolgung:
Haft 16.03.1938 - 05.06.1938,
in den Tod getrieben am 05.06.1938
Mitgliedschaften
Lebenslauf
Richard Anton Schlesinger kommt in Wien als ehelicher Sohn des jüdischen Kaufmanns Karl Samuel Schlesinger und der Katholikin Sofie Franziska Arbeiter zur Welt. Er ist das jüngste von vier Kindern und wird katholisch getauft. Sein Vater verarmt durch die Wirtschaftskrise 1873 und verstirbt bereits 1875, als Richard fünf Jahre alt ist. Nach der Volksschule besucht er ein Gymnasium im 9. Wiener Gemeindebezirk, muss aber aufgrund der schwierigen finanziellen Situation ab dem fünfzehnten Lebensjahr Nachhilfestunden geben, um seine Mutter und einen Bruder finanziell durchzubringen. 1879 maturiert er schließlich und inskribiert Jus an der Universität Wien. Über das Todesjahr seiner Mutter ist nichts bekannt, in den Nationales [Anm: Studienblätter] der Universität Wien scheint Hauptmann Johann Poeckh als Vormund auf. 1885 promoviert er schließlich in Rechtswissenschaften.
Im Jahre 1891 heiratet Richard Schlesinger die in Ungarn geborene Louise Sofie Kotanyi. 1892 kommt der gemeinsame Sohn Hans Schlesinger zur Welt. In der Folge wird Richard Schlesinger Hof-und Gerichtsadvokat, Regierungsrat, Mitglied der Steuerschätzungskommission, Richter am Obersten Gerichtshof und Anwalt des Deutschen Ritterordens.
1909 tritt Richard Schlesinger der Freimaurerloge “Zukunft” bei und wird später Ehrenmitglied der Freimaurerlogen “Eintracht”, “Kosmos”, “Treue”, “Humanitas”, “Goethe”, “Heimat”, “Plato”, “Zur Verschwiegenheit” (Pressburg) und “Lessing zu den drei Ringen” (Tschechien).
Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wird sein Sohn Hans eingezogen. Da die Familie lange ohne Nachricht ihres Sohnes ist, nimmt sich Louise Schlesinger am 14. Juni 1918 das Leben und erlebt damit nicht mehr die Rückkehr ihres Sohnes aus dem Krieg. Nachdem Richard Schlesinger ebenfalls suizidgefährdet ist, verhindert die Rückkehr seinen Freitod.
Am 31. Mai 1919 wird Richard Schlesinger zum Großmeister der Großloge von Wien [heute: Großloge von Österreich der Alten, Freien und Angenommenen Maurer] gewählt.
Die Welt ist wie verwaist, die Tage schleichen wie mit gebrochenen Gelenken weiter.
[Um] hungrige Mäuler zu stopfen, das Siechtum einzudämmen, entkräfteten Menschen Rettung zu bringen [appelliert er] an die Bauhütten der neutralen Länder, vielleicht auch an einige der bisher feindlichen Staaten um Hilfe.
Der überzeugte Pazifist Richard Schlesinger öffnet die Großloge gegenüber dem Ausland und propagiert den Paneuropäischen Gedanken Richard Graf Coudenhove-Kalergis, ebenfalls ein Freimaurer.
Die Ausscheidung eines jeden Nationalhasses, die Unbekümmertheit um religiöses oder politisches Bekenntnis, vielleicht auch das geringe Verständnis für manche anderen Ortes mehr gepflegten freimaurischen Disziplinen, wie etwas für Fragen der Regularität, des Sprengelrechtes und dergleichen, endlich die vollkommene Verständnislosigkeit für Dogmatismus, ist wohl in keiner Bruderkette so ausgebildet wie in der österreichischen.
Als Großmeister der Großloge von Wien erlebt Richard Schlesinger den Untergang des freien und unabhängigen Österreichs, als am 12. März 1938 die deutsche Wehrmacht einmarschiert. Schon am 13. März beginnt ein Freimaurer-Sonderkommando der SS aus Berlin mit Verhaftungen führender Freimaurer und der Beschlagnahme aller Logenbesitztümer.
Ebenfalls am 13. März erscheinen sechs Beamte beim schwer erkrankten und kurz zuvor an der Prostata operierten Richard Schlesinger und befehlen ihm, das Vermögen der Großloge zu übergeben. Der kaum mehr aktionsfähige Großmeister delegiert das an seinen Großsekretär Wladimir Misar. Doch es gibt nicht mehr viel zu tun. Der Eigentümer des gemieteten Logenhauses in der Dorotheergasse im 1. Wiener Gemeindebezirk, ein Parteimitglied, hatte Gestapo-Beamten bereits alle Türen geöffnet, wodurch eine formelle Übergabe überflüssig wird. Mit der Besetzung Österreichs wird die deutsche Gesetzgebung übernommen und damit auch die ‘Nürnberger Rassengesetze’, nach denen Richard Schlesinger als 'Mischling I. Grades' bzw. ‘Halbjude’ gilt.
Am 16. März 1938 werden Richard Schlesinger und sein Sohn Hans Schlesinger verhaftet und in einer überfüllten Zelle eingesperrt. Die Strapazen, die katastrophale Hygiene, die mangelnde medizinische Betreuung und der Nahrungsentzug führen zu Richard Schlesingers totalen Zusammenbruch.
Durch die Intervention eines einflussreichen Nazi-Juristen und nach Hinterlegung einer hohen Kaution kann der Fiebernde in ein Krankenhaus überstellt werden, wo er aber abgeschottet wird. Nicht einmal sein Hausarzt darf ihn besuchen. Aufgrund dessen, verschlechtert sich seine gesundheitliche Lage zusehends. Als er noch an einer Lungenentzündung erkrankt, bittet er zu Hause sterben zu dürfen. Die Nationalsozialisten verwehren ihm dies jedoch.
Richard Schlesinger wird am 5. Juni 1938 in den Tod getrieben und findet seine letzte Ruhestätte am Wiener Zentralfriedhof.
Orte
Wohnort:
Quellen
Kodek, Günter K. (2009): Unsere Bausteine sind die Menschen. Die Mitglieder der Wiener Freimaurer-Logen 1869-1938 (Wien). S. 307/308.
Archiv Universität Wien
Patka, Marcus: Descendants of Abraham Schlesinger
Freimaurer-Wiki unter www.freimaurer-wiki.de/index.php/Richard_Schlesinger
Matricula Online
Adolph Lehmann's allgemeiner Wohnungs-Anzeiger 1938
