Dr. Gottfried Kunwald
Personalia
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Beruf:
Verfolgung:
In den Tod getrieben am 14.03.1938
Mitgliedschaften
Lebenslauf
Gottfried Kunwald kommt in Baden bei Wien als eines von sechs ehelichen Kindern des jüdischen k.u.k. Hofs- und Gerichtsadvokaten Ludwig Kunwald und Emma, geborene Pollak, zur Welt. Er ist das zweite von sechs Kindern. Sein älterer Bruder Ernst macht sich später als Dirigent der Berliner Symphoniker und anderer großer Orchester in der Musikwelt einen guten Namen. Sein jüngerer Bruder Lothar wird praktischer Arzt. Ella, eine seiner drei Schwestern wird Konzertsängerin, ihre Zwillingsschwester Meta verdämmert ihr Leben in der Irrenanstalt am Steinhof. Die Jüngste, Hedwig, heiratet Max Stadlen, der 1909 die Rechtsanwaltskanzlei des Schwiegervaters übernimmt.
Er kommt mit einem Geburtsfehler zur Welt. Seine Beine haben sich im Mutterleib nicht voll entwickelt. An diesem körperlichen Defekt hat Gottfried Kunwald zeitlebens schwer zu tragen.
Nach der Volksschule besucht Gottfried Kunwald das Wiener Schottengymnasium im 1. Wiener Gemeindebezirk, wo er 1887 maturiert. Im gleichen Jahr inskribiert er Jus an der Universität Wien, schließt es 1891 ab, promoviert aber erst 1895. Schon als student zeigt er reges Interesse für volkswirtschaftliche und nationalökonomische Fragen. Nachdem er seine Rechtsanwaltskanzlei aufgebaut hat, profiliert er sich als Rechtsberater und Finanzkonsulent verschiedener Banken, Unternehmungen und Firmen, erstellt Expertengutachten, macht Vorschläge für die Finanzierung und Kreditierung von (Bau) Projekten, etwa der Elektrifizierung diverser Eisenbahnstrecken, den Kauf und Verkauf von Aktien, fertigt Rentabilitätsstudien an, schlägt Handelsgeschäfte vor und veröffentlicht Artikel zu wirtschaftlichen und politischen Themen. Darüber hinaus ist er Herausgeber der Musik- und Theaterzeitschrift ‘Der Merker’.
Gottfried Kunwald engagiert sich bei der ‘Paneuropäischen Union’ von Richard Coudenhove-Kalergi und tritt der Freimaurerloge Schiller der Großloge von Wien [heute: Großloge von Österreich der Alten, Freien und Angenommenen Maurer] bei. Darüber hinaus ist er 1921 Mitbegründer und Vizepräsident der Biedermann-Bank. Ab 1919 wird er finanzpolitischer Berater des Parteiobmannes der Christlichsozialen Partei und zweimaligen Bundeskanzler der I. Republik Österreich, Ignaz Seipel. Er spielt eine entscheidende Rolle bei der Sanierung der Staatsfinanzen zwischen 1922 und 1924. Auch nach dem Tod Ignaz Seipels 1932 bleibt er ein einflussreicher Finanzberater, der hinter den Kulissen agiert.
Am 12. März 1938 erlebt der überzeugte Österreicher den Untergang des freien und unabhängigen Österreichs, als die deutsche Wehrmacht einmarschiert. Mit der Besetzung Österreichs wird die deutsche Gesetzgebung übernommen und damit auch die ‘Nürnberger Rassengesetze’, nach denen Gottfried Kunwald als ‘Volljude’ gilt. Es werden wichtige Repräsentanten des Ständestaates von den Nationalsozialisten verhaftet. Gottfried Kunwald steht auch auf einer der Verhaftungslisten.
Am 14. März 1938 um 10 Uhr 45 Minuten wurde ich von SA Führer Heribert Raya, Standarte 81, aufgefordert, in die Wohnung des Rechtskonsulenten Dr. Gottfried Kunwald, 69 Jahre, I Schulerstraße Nr. 1/II/49 zu kommen, da dieser anscheinend Selbstmord begangen habe. Ich verständigte sofort fernmündlich die Rettungsgesellschaft und begab mich in die Wohnung. Dort konnte ich folgendes feststellen: Am Sonntag 13. März um 12,30 Uhr erschien in der Wohnung des Dr. Kunwald eine Abteilung SA zu seiner Überwachung. Nach Angabe des Dieners Seel begab sich Dr. Kunwald um 24 Uhr zu Bett. Die weitere Überwachung der Wohnung übernahm die SA. Seel gibt weiters an, dass er das letzte Mal um 4 Uhr durch ein Glockenzeichen von Dr. Kunwald gerufen wurde. Er verlangte von seinem Diener auf das Klosett geführt zu werden und gab ihm den Auftrag, um 10 Uhr ihn zu wecken. Um 10,30 Uhr ging Seel in das Schlafzimmer und fand Dr. Kunwald anscheinend tot vor. Der Arzt der erschienenen Rettungsgesellschaft konnte keine Todesursache feststellen, vermutete aber, dass Vergiftung durch ein narkotisches Mittel vorliege. Um 12,45 Uhr erschien die polizeiliche Kommission unter Leitung des Herrn Polizeirates Dr. Mottl und veranlasste die Überführung in das Gerichtsmedizinische Institut. Die Leiche wurde um 13,50 Uhr von der Sanität abgeholt. Die Wohnung wurde zur Gänze versperrt und die Schlüssel mit der Meldung eingesendet. Das in der Wohnung vorgefundene Testament liegt bei.
Gottfried Kunwald möchte nicht in die Folterkerker des Dritten Reiches eingeliefert werden und entzieht sich durch seinen Suizid der Verhaftung durch die SA.
Er findet seine letzte Ruhestätte am jüdischen Teil des Wiener Zentralfriedhofs.
Orte
Wohnort:
Quellen
Weissensteiner, Friedrich: Bundeskanzler Seipels Grauen Eminenz in: DAVID - Jüdische Kulturzeitschrift unter david.juden.at/kulturzeitschrift/57-60/59-Weissensteiner.htm
Kodek, Günter K. (2009): Unsere Bausteine sind die Menschen.Die Mitglieder der Wiener Freimaurer-Logen 1869-1938 (Wien). S. 202.
