Thusnelda (Nelly Niels) Wolkenstein (geb. Kolbinger)

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Thusnelda Wolkenstein
Bild: ÖAW

Personalia

Geboren:

5. März 1888, Wien

Gestorben:

30. August 1983, Wien

Beruf:

Soldatin und Sängerin

Verfolgung:

Vermögensschädigung 1938 - 1945

Ehrungen:

Eisernes Kreuz II. Klasse

Verwundetenmedaille und Ehrenkreuz für Frontkämpfer

Ehrenzeichen II. Klasse vom Roten Kreuz mit der Kriegsdekoration

Lebenslauf

Thusnelda Kolbinger kommt am 5. März 1888 in Wien als Tochter des Bürgerschullehrers Laurenz Leopold Josef Kolbinger und seiner Ehefrau Franziska, geborene Stelzer, zur Welt. Sie wächst katholisch auf. Verwandte ermöglichen ihr eine Gesangsausbildung; nach der Bürgerschule wendet sie sich der Operette zu. Als Nelly Niels tritt sie 1908 und 1909 unter anderem in Baden, Graz, Linz, Teplitz-Schönau und Prag auf.

1908 lernt sie über ihren Onkel, einen Oberst in Bunzlau bei Prag, Erzherzog Karl kennen. Sie verlobt sich mit einem Offizier, doch für die Heirat fehlt das Geld für die vorgeschriebene Kaution. Als sie 1914 um Hilfe bittet, stellt Karl ihr deren Erlass für einen Dienst als Krankenschwester in Aussicht. Sie lehnt aber die Krankenpflege ab und möchte als Soldat an die Front. Dafür nutzt sie einen irrtümlich zugestellten Einberufungsbefehl ihres als Kleinkind verstorbenen Bruders Karl und rückt, als Mann verkleidet, unter dessen Namen ein.

Thusnelda Kolbinger kommt als Meldereiterin nach Czortków in Galizien. Während der Kämpfe um Lemberg 1914 wird sie durch einen Messerstich am Rücken verwundet und gerät in russische Gefangenschaft. Nach ihrer Befreiung 1915 dient sie in der Heeresgruppe August von Mackensen als Meldereiterin und Kurierin und erreicht den Rang eines Fähnrichs. Später wird sie am Bein verwundet und kommt in rumänische Gefangenschaft. 1919 gelingt ihr, als Krankenschwester getarnt, die Flucht. Nach der Niederlage Österreich-Ungarns. der Zerschlagung der Doppelmonarchie und der Vertreibung des Hauses Habsburg kehrt sie nach Wien zurück. Den früheren Verlobten heiratet sie nicht: Er möchte von ihrer Bühnenarbeit leben. In einem Soldatencafé begegnet sie stattdessen Siegfried Wolkenstein.

Am 12. März 1920 heiratet sie den jüdischen Kaufmann und Fabrikanten Siegfried Wolkenstein standesamtlich in Wien. 1921 kommt die gemeinsame Tochter Hildegard zur Welt. Die Familie lebt in Wimsbach bei Lambach, wo Siegfried Wolkenstein an der Knopffabrik Wolkenstein & Co beteiligt ist. Thusnelda Wolkenstein führt den Haushalt und bringt ihr Vermögen in den Aufbau der Fabrik ein. Wegen der zunächst nur standesamtlichen Ehe mit einem Juden verweigert ihr der Ortspfarrer die Kommunion. Sie erwirkt eine bischöfliche Dispens; am 7. Mai 1923 folgt die kirchliche Trauung. Der Pfarrer entschuldigt sich später öffentlich für die Ausgrenzung.

Am 12. März 1938 erlebt Thusnelda Wolkenstein, wie mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht, das freie und unabhängige Österreich untergeht. Mit der Besetzung Österreichs wird die deutsche Gesetzgebung übernommen und damit auch die ‘Nürnberger Rassengesetze’, nach denen Siegfried Wolkenstein als 'Volljude’ gilt. Die Familie, die in Wimsbach bei Lambach wohnt, wird sofort auf Weisung des Welser nationalsozialistischen Bürgermeisters Leo Sturma von der Gendarmerie überwacht. Am 5. Mai 1938 wird Siegfried Wolkenstein von der Gestapo verhaftet und in das Polizeigefangenenhaus Linz gebracht. Er bleibt dort bis Juli 1938. Seine wirtschaftliche Stellung in der Fabrik wird ihm entzogen und die Fabrik 'arisiert'. Die Familie zieht im Anschluss nach Wien.

Die Verfolgung zerstört die wirtschaftliche Grundlage der Familie. Thusnelda Wolkenstein muss in Wimsbach Möbel und Wohnungsinventar billig abgeben. An die Stelle der früheren Mittel tritt eine monatliche Unterstützung der Firma von 150 Reichsmark. Hildegard Wolkenstein darf nicht Medizin studieren. Thusneldas Antrag, die Tochter statt als 'Mischling I. Grades' als 'Mischling II. Grades' behandeln zu lassen, scheitert. Die Tochter arbeitet in einem Kosmetikinstitut ein Jahr unbezahlt, danach für 60 Reichsmark monatlich. Allein die Miete der Wiener Wohnung beträgt 80 Reichsmark.

Thusnelda Wolkenstein hält an ihrem Mann fest, obwohl sie von den Nationalsozialisten zur Scheidung gedrängt wird. Angedrohte Dolgierungen und die dauernde Belastung lässt ihre Gesundheit leiden. Um ihren Ehemann und ihre Tochter zu schützen, arbeitet sie unentgeltlich beim Roten Kreuz. Zugleich stellt sie zum Schutz ihrer Angehörigen die öffentlich erzählte Vergangenheit als Kriegsteilnehmerin bei August von Mackensen heraus. Sie sammelt in der Uniform des NS-Reichskriegerbundes Spenden, engagiert sich für Kriegsversehrte und trägt bei offiziellen Anlässen ein von Bekannten geschenktes Parteiabzeichen. Eine NSDAP-Mitgliedschaft folgt daraus nicht; sie war niemals Mitglied der NSDAP. Sie schafft es auch, dass Siegfried Wolkenstein keinen Judenstern tragen muss und nicht weiter verfolgt wird.

Nach der Befreiung Österreichs und Wiedererrichtung der Republik im April bzw. Mai 1945 bemüht sich Siegfried Wolkenstein um die Rückkehr in seine frühere Stellung in Wimsbach. Nach Thusnelda Wolkensteins Darstellung wird er wieder als Gesellschafter eingesetzt, kann den Betrieb aber krankheitsbedingt nicht mehr führen. Um 1949 muss er den Anteil unter ungünstigen Bedingungen verkaufen. Am 12. August 1951 stirbt Siegfried Wolkenstein im Allgemeinen Krankenhaus in Wien. Sie verfügt zunächst über keine Rente und lebt vom verbliebenen Verkaufserlös. Altersbedingt ist sie beruflich nicht mehr aktiv.

Thusnelda Wolkenstein lebt im Alter im Haushalt ihrer Tochter. Am 30. August 1983 stirbt sie mit 95 Jahren in Wien.

Orte

Wohnort:

 

Quellen

Wiener Stadt- und Landearchiv (WStLA)

Österreichische Akademie der Wissenschaften unter www.oeaw.ac.at/de/acdh/oebl/biographien-des-monats/2024/august

Thusnelda Wolkenstein

Soldatin und Sängerin
* 5. März 1888
Wien
† 30. August 1983
Wien
Vermögensschädigung